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Prof. Dr. Michael Kubiciel

 

Ein Interview mit unserem Schirmherren Prof. Dr. Michael Kubiciel.

 

SRSK: Wie verlief Ihr Werdegang bis hin zur Professur an der Universität zu Köln?

 

Professor Dr. Kubiciel: „Ich habe mich während meiner Doktorarbeit dazu entschieden in die Wissenschaft zu gehen. Ich hatte das große Glück, dass mich die Uni Köln nach meiner Habilitationszeit in Regensburg, nach einem Vertretungssemester im Jahr 2013, an das Institut für Strafrecht und Strafprozessrecht und den Lehrstuhl für Strafrecht, Strafrechtstheorie und Strafrechtsvergleichung berufen hat. Davor war ich in Regensburg Assistent, habe kurzzeitig als Anwalt gearbeitet und war für internationale Organisationen tätig. So habe ich einige Erfahrungen gesammelt, auch abseits des Elfenbeinturms.“

 

SRSK: Wie entstand die Idee, den Verein zu gründen? Gab es ein spezielles Ereignis, was Sie dazu veranlasst hat?

 

Professor Dr. Kubiciel: „Das waren zwei Zufälligkeiten. Zum einen habe ich viel gehört und gelesen über die Refugee Law Clinic, die maßgeblich von Köln ausging und jetzt in ganz Deutschland kopiert wird. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte wurde ich besonders aufmerksam auf die Thematik, als mir meine Frau, die in Köln Richterin ist, von einem tragischen Fall erzählte.

In dem Fall ging es darum, dass sie einer sehr alten Frau eine Klage zustellen musste und die Frau nicht reagierte. Sie reagierte deswegen nicht, weil sie keine Angehörigen hatte und auch nicht wusste wie sie mit der Situation umgehen kann.

Am Amtsgericht muss man nicht anwaltlich vertreten werden, d.h. die Frau war auf sich alleine gestellt. Jedenfalls gab es keine Notwendigkeit, dass ein Anwalt ihr helfen musste. Meine Frau als Richterin war zu einer gewissen Neutralität verpflichtet, sodass sie sie nicht direkt darauf hinweisen konnte, was sie tun muss.

Als ich das hörte, dachte ich, dass im deutschen Rechtssystem nicht nur Flüchtlinge, die von außen kommen desorientiert sind und nicht wissen, wie sie mit dem Rechtssystem umgehen können, sondern auch ältere Menschen, denen Angehörige fehlen, die für sie recherchieren, Telefonate tätigen und herausfinden, wo sie anrufen müssen, da dachte ich, dass es vielleicht Bedarf und auch Studierende gibt, die man dafür motivieren kann eine solche Law Clinic zu gründen.

Letztendlich war es also eine Zufälligkeit, die jedoch nur in Köln zu dieser Idee führen konnte, weil es hier die Refugee Law Clinic gibt.“

 

SRSK: Wie sah die Anfangsphase der Vereinsgründung aus? Was waren die ersten Schritte?


Professor Dr. Kubiciel: „Diese Law Clinic lebt hauptsächlich von dem Engagement der Studierenden. Nachdem ich einige Interessierte aus meinem Lehrstuhl und meinen Vorlesungen gesammelt habe, haben wir uns mehrfach getroffen und die Aufgaben verteilt, wobei von vorneherein die operativen Aufgaben bei den Studierenden angesiedelt waren. Das lag zum einen daran, dass die Studierenden diese Tätigkeiten lernen sollten und das auch gut gemacht haben. Andererseits muss man als junger Professor und Familienvater mit seiner Zeit natürlich etwas haushalten.

Da wo es notwendig und möglich war, haben meine Frau und ich das Projekt angestoßen. Wir haben dafür gesorgt, dass Gelder für die Eintragung des Vereins da waren und den Kontakt zu einem Notar vermittelt.

Gleichzeitig habe ich in meiner Vorlesung Werbung gemacht und es gab mehrere Informationsveranstaltungen. Zunächst zeigte sich auch eine große Begeisterung von Studierenden, die spontan gesagt haben, da möchten wir mitwirken. Wie das dann manchmal so ist, kommt nach dieser großen Euphoriephase die mühende Ebene. Da mussten dann technische Dinge bewältigt werden, wie einen Raum an der Universität zu bekommen, was erstaunlich schnell geklappt hat. Es bedurfte praktischer Hilfsmittel, wie einer Telefonnummer, an die sich die Senioren wenden können. Das haben alles die Studierenden organisiert.

Meine Frau und ich haben durch Vorträge bei der Volkshochschule im Rahmen einer Ringvorlesung und anderen Veranstaltungen auf das Projekt aufmerksam gemacht, um Unterstützer mit ins Boot zu holen und schonmal bei den Senioren der Stadt Köln Werbung für unseren Verein zu machen.“

 

SRSK: Was ist Ihre Funktion als Schirmherr? Wie wollen Sie die Studierenden in Zukunft unterstützen?

 

Professor Dr. Kubiciel: „Ich bin, wenn Rede-, Frage oder Unterstützungsbedarf besteht, immer ansprechbar. Ich habe mit meinem Lehrstuhlteam die Aufgaben strukturiert und überlegt, was in welcher Reihenfolge zu machen ist und habe da, wo es notwendig war helfend eingegriffen. Aber das ist eher eine Tätigkeit im Hintergrund.

Zudem schwebt uns ein wissenschaftlicher Beirat vor, dessen Mitglieder die Studierenden des Vereins zu bestimmten rechtlichen Situationen schulen sollen.

Wobei man immer sagen muss, dass wir keine eigene Rechtsberatung machen wollen. Wir wollen nicht den Anwalt ersetzen, sondern den fehlenden Angehörigen. Dafür braucht man eigentlich nur wenige Rechtskenntnisse. Man braucht Kenntnis davon, welche Hilfsinstitutionen in Köln schon existieren, z.B. der Hilfsverein der Anwälte und die Prozesskostenstelle. Da ist es meistens ausreichend, wenn man für einen älteren Menschen bei diesen Stellen anruft oder ihm die Telefonnummer gibt. Eine Rechtsberatung soll es idealerweise nicht geben.“

 

SRSK: Wie stellen Sie sich den Verein in den nächsten Jahren vor? Wie sollen Senioren und Studenten von dem Projekt profitieren?


Professor Dr. Kubiciel: „Am meisten würde ich mir wünschen, dass wir nach der euphorischen Anfangsphase, jetzt, wo die operative Arbeit beginnt, eine möglichst große Zahl von Studierenden finden, die sich bereit erklären zu den Sprechstunden am Telefon zu sitzen, wobei klar ist, dass in dieser Sprechstunde nicht ständig das Telefon klingelt wird.

Wenn dann aber das Telefon klingelt, bietet das für Studierende die erste und wahrscheinlich auch einzige Möglichkeit im Studium, mit einer typischen Mandantensituation umzugehen.

Das muss man lernen und das ist im Anwaltsberuf und auch im Beruf des Richters fast das wichtigste; zu erfassen, was das Problem einer Person ist, sie manchmal auch zu beruhigen und ihr rechtlich und tatsächlich zu helfen.

Und das lernt man nicht aus Büchern, sondern das lernt man im Umgang mit Menschen.

Je früher man das übt, umso größer wird der berufliche Erfolg sein, denn Rechtsanwälte und Richer haben mit Menschen zu tun, nicht mit Paragraphen, mit toten Büchern. Sie lernen im Studium die Bücher kennen und die Professoren, aber sie lernen keine richtigen Menschen kennen; die können Sie in diesem Verein kennen lernen.

Und sie haben vor allen Dingen ein unmittelbares Erfolgserlebnis, denn es gibt nichts schöneres, finde ich, als einem Menschen, dem man nicht verpflichtet ist, helfen zu können.“

 

 

Das Interview führten Christina Franzke und Lisa Weinekötter.